Wintersemester 1998 / 1999
Dr. Urs Meyer


DIE GESPENSTERGESCHICHTE

Besucher seien gewarnt: Dies wird kein Seminar des behaglichen Gruselns! Jenseits von Parapsychologie und Psychoanalyse will diese Veranstaltung einen literaturwissenschaftlichen Zugang zu einer nicht mehr ganz so populären Erzählgattung finden, die nichtsdestotrotz bis ins 20. Jahrhundert fortlebt. Von Rache-, Plage- und Poltergeistern sicher nicht unbehelligt, werden wir versuchen, uns der Gespenstergeschichte als Erzählform zu widmen. Ihre Nähe zur phantastischen Literatur oder zum Märchen wird uns ebenso beschäftigen wie die Mittel, mit denen Gespenster in Szene gesetzt werden: Beglaubigungs-Strategien, Illusionserzeugung, Spannungsaufbau, Verrätselung, Zweideutigkeit, Anekdotische Schreibweise, Überraschung, Pointe. Wir unterscheiden 'unechte', 'phantastische' und 'mysteriöse' Gespenstergeschichten und gelangen so vielleicht am Ende auch zu einer 'Logik der Gespenstergeschichte' (Dietrich Weber).

Neben dem Motiv des Gespenstes und seiner spezifischen (scherzhaften oder ernsthaften) literarischen Gestaltung interessieren uns aber auch ganz allgemein die Techniken des Erzählens. Diese werden z. T. durch parodistische Nachahmung eingeübt (gemäss Kap. 4. der "Einübung in die Literaturwissenschaft" von Harald Fricke und Rüdiger Zymner). Die Geschichte der Gespenstergeschichte kann aber auch mit genügend hochliterarischen Beispielen aufwarten wie Schillers Geisterseher, das 'Hausmärchen' Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen, Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (RUB 6558), Kleists Das Bettelweib von Locarno, Hoffmanns Das Majorat (RUB 32), M. L. Kaschnitz’ Gespenster oder Franz Hohlers Geisterfahrer.

Literatur: - Dietrich Weber: Kleine Logik der Gespenstergeschichte. Eine literaturwissenschaftliche Unterhaltung. In: Gattungstheorie und Gattungsgeschichte. Ein Symposion. Hg. v. Dieter Lamping u. Dietrich Weber. (= Wuppertaler Broschüren zur Allgemeinen Literaturwissenschaft, 4 / 1990). [Kopiervorlage im Handapparat]. - Klaus Kanzog: Gespenstergeschichte. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Gem. m. Harald Fricke u.a. hg. v. Klaus Weimar. Bd. 1. Berlin, New York 1997, S. 718-720. - Gero von Wilpert: Die deutsche Gespenstergeschichte. Motiv - Form - Entwicklung. Stuttgart 1994 (=Kröners Taschenausgabe, Bd. 406). - Zur Anschaffung empfohlen: - Gespenstergeschichten. Hg. v. Dietrich Weber. Aachen 1997. - Harald Fricke / Rüdiger Zymner: Einübung in die Literaturwissenschaft: Parodieren geht über Studieren. 3., nochmals durchges. Aufl. Paderborn 1996 (=UTB 1616).