Sommersemester 2000
Dr. Urs Meyer



GOETHES LYRIK

Goethe ist unangefochten der vielfältigste und ranghöchste Lyriker der deutschen Literaturgeschichte. Nach dem pompösen Goethe-Jahr 1999 ist der Zeitpunkt günstig, sich einen Überblick über die wichtigsten Gedichte seines vielgedeuteten, vielbewunderten und vielkommentierten lyrischen Œuvres zu verschaffen. Das Sichten neuer Publikationen über Goethe soll helfen, alte Interpretationsweisen aufzufrischen oder zu revidieren. Die unvergleichliche Vielfalt an metrischen Formen, poetischen Registern, Kompositionsprinzipien, Gattungen und historischen Bezügen in Goethes Lyrik erlaubt aber zunächst auch eine breitgefächerte Einführung in die Grundtechniken der Lyrikanalyse.

Die sogenannte 'Goethezeit' (ca. 1770-1830) umfasst die literarhistorischen Strömungen 'Sturm und Drang' ('Geniezeit'), 'Klassik' ('Weimarer Zeit') und 'Romantik', an denen Goethes Lyrik bedeutenden Anteil hatte. Weder die poetischen Formen noch die Bildlichkeit, weder der Wortschatz noch die Themen blieben dabei über die Jahre konstant. So lassen sich neben Entwicklungslinien auch Zäsuren in Goethes lyrischem Schaffen erkennen. Im Rahmen dieses Proseminars kann notabene lediglich ein Überblick über das lyrische Geamtwerk angestrebt werden. Im Fokus stehen deshalb die wichtigsten zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichtsammlungen und Gedichtzyklen Goethes, deren Eigenheiten in Referaten herausgearbeitet werden sollen.

Von den frühen 'anakreontischen' Gedichten ('Leipziger Witzkultur') führt ein erster Erkundungsgang über die schwärmerischen Gedichte der Strassburger 'Geniezeit' zur liedhaften Dichtung der 'ersten Weimarer Zeit', von dort zur artifizielleren und distanzierteren Lyrik der 'nachitalienischen Zeit' (Römische Elegien, Venezianische Epigramme) und schliesslich zur polemischen und zeitgebundenen Spruchdichtung (Zahme Xenien). In seiner späten Lyrik benutzt der Weimarer 'Dichterfürst' nicht mehr so häufig die "ins Gewand der Poesie gehüllte Erstepersoneinzahl" (Rühmkorf). Eher kalkuliert er Sonette oder experimentiert mit neuartigen Formen. Letztere sind orientalischer (altpersischer) Herkunft (West-östlicher Divan) oder dienen als Gefäss für weltanschauliche 'Altersweisheiten' (Gott und Welt). Als Wegweiser für die einzelnen Sitzungen dient die sammlungs-chronologische Anordnung von Goethes Gedichten durch Karl Eibl in der Neuedition des Deutschen Klassiker Verlages (Frankfurt 1987 und 1988).

 

Literatur: Harald Fricke / Rüdiger Zymner: Einübung in die Literaturwissenschaft: Paroieren geht über Studieren. 3. Aufl. Paderborn 1996 (= UTB, 1616); Dieter Burdorf: Einführung in die Lyrikanalyse. 2. überarb. u. erw. Aufl. Stuttgart: Metzler 1997 (= SM, 284); Unser Goethe. Ein Lesebuch. Hrsg. von Eckhard Henscheid und F. W. Bernstein. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1999; J. W. Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tageücher und Gespräche. 45 Bde. Abt. I, Bd. 1 und 2: Gedichte. Frankfurt a. M: Deutscher Klassiker Verlag 1987 und 1988; Leseausgabe (anzuschaffen): J. W. v. Goethe: Gedichte. Frankfurt a. M.: Insel-TB 1998.