VOM FÜNFAKTER ZUM EINAKTER
Folgt man dem Literaturtheoretiker Klaus Weimar ("Enzyklopädie der Literaturwissenschaft", § 119), so lässt sich ein Drama grundsätzlich als Protokoll lesen. Titel, Untertitel, Datum, Ort, Personenliste und die Namen der Redner: All dies ist im Drama wie im Protokoll vorhanden. Selbst die Gliederung des Protokolls nach Traktanden findet im Drama eine annähernde Entsprechung in der dort üblichen Unterteilung nach Auftritt, Szene und Akt. Freilich sind die Gliederungsfreiheiten des Dramatikers letztlich wohl doch etwas größer als jene des Protokollanten. Bevorzugt die konventionelle Tragödie noch recht streng die 'pyramidale Bauform' und die Gliederung in meist fünf Akte, herrschen im modernen Drama 'offenere Formen' (Volker Klotz) der Handlungsvermittlung vor. Und gegenüber dem 'Akt' als "Hauptabschnitt des Dramas" ("Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft" I, 30) behauptet sich immer stärker die 'Szene' als autonome Gliederungseinheit.
Auf den historischen Funktionswandel solcher dramatischen Bauformen wollen wir in diesem Seminar die besondere Aufmerksamkeit richten. Dabei möchten wir die Relationen zwischen Bauform, Expositionsform, Redeform, Dialoggestaltung, Figurencharakterisierung und Dramenhandlung anhand von sechs unterschiedlichen Textbeispielen unter die Lupe nehmen: Gotthold Ephraim Lessings Fünfakter "Emilia Galotti", Friedrich Dürrenmatts Vierakter "Romulus der Grosse", Ludwig Tiecks Dreiakter "Der gestiefelte Kater", Gerhard Hauptmanns Zweiakter "Hanneles Himmelfahrt", August Stramms Einakter "Rudimentär" und schließlich Peter Weiss’ szenisches Oratorium "Die Ermittlung" (nebst einigen zeitgenössischen Minidramen bzw. Dramoletten). Voraussetzung für die Teilnahme ist die Übernahme eines Referats.
Zur Anschaffung empfohlene Literatur : Harald Fricke / Rüdiger Zymner: Einübung in die Literaturwissenschaft: Parodieren geht über Studieren. 3. Aufl. Paderborn 1996 (= UTB 1616) - Manfred Pfister: Das Drama. Theorie und Analyse. 8. Aufl. München 1994 (= UTB 580) - G.E. Lessing: Emilia Galotti (=Reclam UB) - L. Tieck: Der gestiefelte Kater (= Reclam UB) - Fr. Dürrenmatt: Romulus der Grosse (= Diogenes-TB). - P. Weiss: Die Ermittlung (= edition suhrkamp). - A. Stramm: Gedichte, Dramen, Prosa, Briefe. Hg. v. Jörg Drews (Reclam UB). - Von den übrigen Texten stehen Kopien bzw. Bibliotheksexemplare zur Verfügung.