KURZ- UND KÜRZESTGESCHICHTEN
Wir beschäftigen uns in diesem Proseminar mit einer Erzählgattung, die sich anfangs am Vorbild der amerikanischen Short Story (Hemingway, Hammett, Faulkner) orientierte und sich in der deutschen Literatur erst nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte. Ihre Anfänge liegen in jener Epoche, die gerne mit Wolfgang Weyrauchs Schlagwort "Kahlschlag" charakterisiert wird. Mit der Rezeption der amerikanischen Kurzgeschichte wurde in der deutschen Literatur – vor allem unter der Regie der "Gruppe 47" – eine Erneuerung der Prosaliteratur versucht. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs sollte dem Pathos der Inneren Emigration und der Nationalsozialistischen Literatur eine 'realistischere' Erzählform entgegengesetzt werden. Beschäftigten sich die ersten deutschen Kurzgeschichten noch nüchtern, lakonisch und resigniert mit den Kriegs- und Nachkriegsereignissen, entwickelte sich die Gattung in der Folge zu einer zunehmend artistischen Erzählform weiter, die nun ebenfalls experimentelle, psychologische, phantastische oder surreale Erzählmodi zuliess. Genau diese Entwicklung führte aber letztlich auch zu 'Auflösungserscheinungen' der ursprünglich journalistisch ausgerichteten Gebrauchsgattung – hin zur unspezifischen Kurzprosa. Als 'zeitgemässe' Variante überdauerte vor allem die sog. 'Kürzestgeschichte', die eine nochmals verstärkte Kompression der erzählerischen Mittel versuchte.
Wir werden in diesem Proseminar Geschichten von Wolfgang Borchert ("An diesem Dienstag"), Arno Schmidt ("Sommermeteor"), Wolfgang Hildesheimer ("Lieblose Legenden"), Franz Hohler / Jürg Schubiger ("Hin- und Hergeschichten") und Ingo Schulze ("Short Storys") analysieren und dabei ihren gattungsgeschichtlichen Ort zu ermitteln versuchen. Zugleich soll dieses Proseminar in die wichtigsten Techniken der Erzählanalyse einführen. Die Übernahme eines Referates und das Absolvieren der Klausur sind Voraussetzungen für die Teilnahme.
Zur Anschaffung empfohlene Literatur : Harald Fricke / Rüdiger Zymner: Einübung in die Literaturwissenschaft: Parodieren geht über Studieren. 4. Aufl. Paderborn 2000 (= UTB 1616) – Dietrich Weber: Erzählliteratur. Schriftwerk, Kunstwerk, Erzählwerk. Göttingen 1998 (= UTB 2065) – Arno Schmidt: Sommermeteor. 23 Kurzgeschichten. Frankfurt a.M. 1990 (= Fischer TB, 9121). – Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden. Frankfurt a.M. 1974 (= Bibliothek Suhrkamp, 84). – Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk. Reinbek b. Hamb. 2000 (= rororo, 22509). – Ingo Schulze: Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz. München 1999 (= dtv, 12702). – Franz Hohler / Jürg Schubiger: Hin- und Hergeschichten. Zürich 1986.