GEDICHT UND MELODIE: DIE NEUE DEUTSCHE WELLE
Gegen Ende der 1970er Jahre bildete sich in den deutschsprachigen Ländern eine nur kurzlebige Stilrichtung der Popmusik heraus, deren innovatives und subkulturelles Selbstverständnis rasch in einen Zusammenhang mit der britischen Strömung des "New Wave" gebracht wurde. Auf der musikalischen Seite kennzeichnet diese sog. Neue Deutsche Welle (NDW) ihre Abkehr von den Hauptinstrumenten der Rock-Musik. Sie werden ersetzt durch spärliche Instrumentierung, monotone Maschinen-Rhythmen und Synthesizer-Klänge. Mit dem neuen Ideal einer ‚nichtmelodiösen' Minimalmusik ging aber auch eine Aufwertung des Sprachlichen einher - u.a. als Sprechgesang. Eine Großzahl von Musikgruppen der Zeit präferierten dabei, das ist der wichtigste gemeinsame Nenner der NDW, in ihren Songtexten selbstbewusst die deutsche Sprache oder zumindest den Sprachen-Mix. Die der NDW partiell zuschreibbaren Gruppen wie Hans-a-plast ("Hans-a-plast", 1979), Der Plan ("Geri Reig", 1980), Grauzone ("Grauzone", 1981), Abwärts ("Amok Koma", 1981), Fehlfarben ("Monarchie und Alltag", 1980), Ideal ("Der Ernst des Lebens", 1981), Stahlnetz ("Wir sind glücklich", 1982), Einstürzende Neubauten ("Kollaps", 1981) oder Nichts ("Made in Eile", 1981) kreierten aber nicht nur einen neuartigen Musikstil, sondern auch eine in der Rockmusik bis dahin ungewohnte lyrische Schreibweise, die es sich auch aus literaturwissenschaftlicher Perspektive zu rekonstruieren lohnt.
Zwischen den Polen der vorangehenden Punk-Rock-Epoche (Provokation, Zynismus, Slang, ironischer Dilettantismus und Melancholie) und dem demonstrativen, bisweilen auch ironischen Optimismus der ‚Neuen Romantik' hatte so manches Platz, was in der Folge unter dem Label "Neue Deutsche Welle" vermarktet wurde. Die nachfolgende Kommerzialisierung der NDW freilich verkehrte diese denn auch schon früh in Richtung Nonsensmusik und Schlagerpop. Und auch die Texte der ‚Neuesten Deutschen Welle' (darunter 2raumwohnung, Klee oder Wir sind Helden) knüpfen intertextuell zwar gerne an die Ursprünge der NDW an, favorisieren aber deutlich deren entpolitisierte und distanziert romantisierende Spielart. Das Proseminar dient am Beispiel von Songtexten der NDW der Einführung in die Methoden der Lyrikanalyse.
Da die fraglichen Songtexte sehr deutlich in der Tradition dadaistischer und expressionistischer Lyrik stehen, sollen auch diese Epochen für unsere Textauswahl berücksichtigt werden - mit Gedichten von Hans Arp bis Gottfried Benn. Im Vordergrund stehen neben Fragen der lyrischen Analyse damit auch Fragen der literarischen Wertung, die sich vor allem hinter der Abgrenzung zwischen Pop- und Hochliteratur verbergen.
Zur Anschaffung empfohlene Literatur: Harald Fricke u. Rüdiger Zymner: Einübung in die Literaturwissenschaft: Parodieren geht über Studieren. 4., korr. Aufl. Paderborn 2000 (= UTB 1616); Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend: Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave. Frankfurt a.M. 2003 (= Suhrkamp Taschenbuch, 3271); Winfried Longerich: "Da Da Da". Zur Standortbestimmung der Neuen Deutschen Welle. Pfaffenweiler 1989 (= Musikwissenschaftliche Studien 9.); Peter Kemper: Wo geht's lank? Peter Pank, schönen Dank! Abgesang auf die Neue Deutsche Welle. In: Ders., Thomas Langhoff u. Ulrich Sonnenschein (Hg.): "but I like it". Jugendkultur und Popmusik. Stuttgart: Reclam 1998, S. 299-308.