Proseminar:
DAS LESEDRAMA: LITERARISCHE UND MEDIALE TYPOLOGIEN
Zu den Eigenheiten der Mediengattung Drama gehört, dass sie nicht allein als Textform, sondern auch als semiotische Praxis (im Sinne Fischer-Lichtes) verstanden werden will. Dramen lassen sich lesen, sie lassen sich aber auch inszenieren, rezitieren, hören und sehen.
Dennoch lässt sich feststellen, dass einzelne Dramen zum Teil erheblich leichter lesbar bzw. aufführbar sind als andere. So existieren markante Unterschiede bezüglich des Verhältnisses zwischen Haupttext und Nebentext: Dramen, die reich an Nebentext sind, sind aufgrund der zahlreichen Regiehinweise besser, aufgrund der Textfülle aber auch weniger geeignet für die Inszenierung auf der Bühne.
Dieser Umstand wird erfasst durch den Begriff eines medienspezifischen Lesedramas bzw. Buchdramas. Zu den Kriterien eines solchen Lesedramas gehören etwa die notwendige Bindung an das Medium Buch, sodann sämtliche Erschwernisse bei der Aufführung, etwa eine lange Handlungsdauer, der radikale Bruch mit der Ständeklausel (unübersichtliche Vielfalt der Personen und Orte) oder die mangelnde Ökonomie des Publikums- und Regiebezugs. So sehen sich manche Autoren (darunter Karl Kraus) sogar gezwungen, eigentliche Bühnenfassungen ihrer Stücke herzustellen. Mit Blick auf ausgewählte Dramen (Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“, Goethes „Faust II“ und Schillers „Die Räuber“) wollen wir medien- und literarhistorische Ansätze einer Gattungsbeschreibung nachvollziehen. Grundlegend dafür sollen die Techniken der Dramenanalyse an ausgewählten Textausschnitten der genannten Dramen eingeübt werden.
Zur Anschaffung (*) bzw. Konsultation empfohlene
Literatur:
*Friedrich Schiller: Die Räuber (= Reclam UB, 15). – *Goethe: Faust. Der Tragödie Zweiter Teil (= Reclam UB, 2). – Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit. Bühnenfassung des Autors. Hg. v. Eckart Früh. Frankfurt a.M. 2005 (= Suhrkamp Taschenbuch, 3715). – *Ders.: Die letzten Tage der Menschheit. Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog. Hg. v. Christian Wagenknecht. 2. Aufl. Frankfurt a.M. 1991 (= Suhrkamp Taschenbuch, 1320). – *Harald Fricke u. Rüdiger Zymner: Einübung in die Literaturwissenschaft: Parodieren geht über Studieren. 4., korr. Aufl. Paderborn 2000 (= UTB 1616). – Manfred Pfister: Das Drama. Theorie und Analyse. 11., erw. Aufl. München 2001 (= UTB 580). – Nicholas Boyle: Das Lesedrama: Versuch einer Ehrenrettung. In: Kontroversen, alte und neue. Hg. v. Albrecht Schöne, Bd. 7, Tübingen 1986, S. 59-68. – Helmut Weidhase: Lesedrama. In: Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. hg. v. G. u. I. Schweikle. 2., überarb. Aufl. Stuttgart 1990, S. 265-266. – Gero von Wilpert: Buchdrama, in: Ders.: Sachwörterbuch der Literatur. 6., verb. u. erw. Aufl. Stuttgart 1979, S. 110. – Martin Ottmers: Lesedrama, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, gem. mit Georg Braungart u.a. hg. v. Harald Fricke, Bd. 2, Berlin u. New York 2000, S. 404-406.