Hauptseminar:
ELIAS CANETTIS POETISCHE ANTHROPOLOGIE
Der Büchner- und Nobel-Preisträger Elias
Canetti skizziert schon in seinen frühen Werken eine anthropologisch fundierte
Poetologie, deren Ausarbeitung ihn ein Leben lang beschäftigt. Die Frage nach
der Kontingenz des menschlichen Lebens und Überlebens (Tod, Freiheit,
Wahrnehmung, Erkenntnis, Verwandlung, Zeremonie, Jagd, Meute, Masse, Macht)
zieht sich von seinen frühen Dramen über seine Essays und Aphorismen bis hin zu
seiner dreibändigen Autobiographie. Im Zentrum steht dabei das Verhältnis
zwischen Geist/Sprache und Wirklichkeit (ein Thema, das ihn mit dem von ihm so
bewunderten Sprachkritiker Karl Kraus verbindet), aber auch das Verhältnis
zwischen Religiosität und Todesbewusstsein. Canettis poetische Anthropologie
entspringt den Grenzwissenschaften der philosophischen, theologischen,
kulturellen, sozialen und biologischen Anthropologie. Sie ist keiner dieser
Einzelwissenschaften eindeutig zuzuordnen. Leitend für die Seminardiskussion
soll daher auch die Frage sein, auf welche Weise Canetti die Erkenntnisse der
anthropologischen Wissenschaften mit einer eigenständigen Theorie der Poesie zu
verknüpfen sucht (vgl. u.a. den Essay „Beruf des Dichters“). In diesem
Zusammenhang werden wir uns insbesondere mit seinem ‚poetischen Kampf gegen die
Anerkennung des Todes’ und mit seiner Theorie der ,akustischen Maske’
beschäftigen. Wir konzentrieren uns auf zwei Werke; auf sein theoretisches
Haupt- und Lebenswerk „Masse und Macht“ (1960) sowie auf seinen Roman „Die
Blendung“ (1936). Weitere Werke (so die Autobiographie und das aphoristische
Werk) können im Bedarfsfall zusätzlich herangezogen werden. Auch lesen wir
ergänzend zu den Canetti-Texten einige Textausschnitte aus den Werken
ausgewählter ‚Klassiker der Anthropologie’ (Max Scheler, Ernst Cassirer, Claude
Lévi-Strauss u.a.). Zur Anschaffung (*) bzw. Konsultation
empfohlene Literatur:
*Elias Canetti: Masse und Macht. 30. Aufl.
Frankfurt 2006 (= Fischer Taschenbuch). – *Elias Canetti: Die Blendung.
Frankfurt a.M. 2005 (= Fischer Taschenbuch, limitierte Sonderausg.). – Kuno
Lorenz: Einführung in die Philosophische Anthropologie. 2. Aufl. Darmstadt 1992.
Harry Timmermann: Tierisches in der Anthropologie Elias Canettis mit Beispielen
aus dem Gesamtwerk. In: Sprache im technischen Zeitalter (1985) H. 94. S.
99-126. – Klaus-Peter Zepp Privatmythos und Wahn. Das mythopoetische Konzept im
Werk Elias Canettis. Frankfurt a.M., Bern u.a. 1990. [Diss. Berlin 1988]. –
Claudio Magris: Das geblendete Ich. Das Bild des Menschen bei Elias Canetti. In:
Colloquia Germanica (1974) H. 3/4, S. 344-375. – Helmut Göbel: Elias Canetti.
Reinbek 2005 (= Rowohlt Taschenbuch). Die Veranstaltung ist vorrangig für
Studierende mit abgeschlossener (oder fast vollständig absolvierter)
Zwischenprüfung gemäß Lizentiats-Reglement im Haupt- oder Nebenbereich gedacht;
nach Absprache auch für Studierende mit abgeschlossenem (oder fast vollständig
absolviertem) BA-Studium.