Wintersemester 2006/2007
PD Dr. Urs Meyer


Hauptseminar:
ELIAS CANETTIS POETISCHE ANTHROPOLOGIE


Der Büchner- und Nobel-Preisträger Elias Canetti skizziert schon in seinen frühen Werken eine anthropologisch fundierte Poetologie, deren Ausarbeitung ihn ein Leben lang beschäftigt. Die Frage nach der Kontingenz des menschlichen Lebens und Überlebens (Tod, Freiheit, Wahrnehmung, Erkenntnis, Verwandlung, Zeremonie, Jagd, Meute, Masse, Macht) zieht sich von seinen frühen Dramen über seine Essays und Aphorismen bis hin zu seiner dreibändigen Autobiographie. Im Zentrum steht dabei das Verhältnis zwischen Geist/Sprache und Wirklichkeit (ein Thema, das ihn mit dem von ihm so bewunderten Sprachkritiker Karl Kraus verbindet), aber auch das Verhältnis zwischen Religiosität und Todesbewusstsein. Canettis poetische Anthropologie entspringt den Grenzwissenschaften der philosophischen, theologischen, kulturellen, sozialen und biologischen Anthropologie. Sie ist keiner dieser Einzelwissenschaften eindeutig zuzuordnen. Leitend für die Seminardiskussion soll daher auch die Frage sein, auf welche Weise Canetti die Erkenntnisse der anthropologischen Wissenschaften mit einer eigenständigen Theorie der Poesie zu verknüpfen sucht (vgl. u.a. den Essay „Beruf des Dichters“). In diesem Zusammenhang werden wir uns insbesondere mit seinem ‚poetischen Kampf gegen die Anerkennung des Todes’ und mit seiner Theorie der ,akustischen Maske’ beschäftigen. Wir konzentrieren uns auf zwei Werke; auf sein theoretisches Haupt- und Lebenswerk „Masse und Macht“ (1960) sowie auf seinen Roman „Die Blendung“ (1936). Weitere Werke (so die Autobiographie und das aphoristische Werk) können im Bedarfsfall zusätzlich herangezogen werden. Auch lesen wir ergänzend zu den Canetti-Texten einige Textausschnitte aus den Werken ausgewählter ‚Klassiker der Anthropologie’ (Max Scheler, Ernst Cassirer, Claude Lévi-Strauss u.a.).

Zur Anschaffung (*) bzw. Konsultation empfohlene Literatur:


*Elias Canetti: Masse und Macht. 30. Aufl. Frankfurt 2006 (= Fischer Taschenbuch). – *Elias Canetti: Die Blendung. Frankfurt a.M. 2005 (= Fischer Taschenbuch, limitierte Sonderausg.). – Kuno Lorenz: Einführung in die Philosophische Anthropologie. 2. Aufl. Darmstadt 1992. Harry Timmermann: Tierisches in der Anthropologie Elias Canettis mit Beispielen aus dem Gesamtwerk. In: Sprache im technischen Zeitalter (1985) H. 94. S. 99-126. – Klaus-Peter Zepp Privatmythos und Wahn. Das mythopoetische Konzept im Werk Elias Canettis. Frankfurt a.M., Bern u.a. 1990. [Diss. Berlin 1988]. – Claudio Magris: Das geblendete Ich. Das Bild des Menschen bei Elias Canetti. In: Colloquia Germanica (1974) H. 3/4, S. 344-375. – Helmut Göbel: Elias Canetti. Reinbek 2005 (= Rowohlt Taschenbuch). Die Veranstaltung ist vorrangig für Studierende mit abgeschlossener (oder fast vollständig absolvierter) Zwischenprüfung gemäß Lizentiats-Reglement im Haupt- oder Nebenbereich gedacht; nach Absprache auch für Studierende mit abgeschlossenem (oder fast vollständig absolviertem) BA-Studium.