Frühlingssemester 2007
Prof. Dr. Urs Meyer


Proseminar:
Erich Kästners "Fabian"


Dieses Proseminar widmet sich dem wichtigsten 'Roman für Erwachsene' von Erich Kästner: "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" (1931). Zur Zeit der Weimarer Republik verfasst Kästner diesen Berlin-Roman, in dem es viele autobiographische Züge, aber auch viele deutliche Zeitbezüge aufzudecken gibt. Obwohl es sich um die "Geschichte eines Moralisten" handelt, ist der in Kästners Roman thematisierte Moralbegriff äusserst vieldeutig. Die persönliche Individualmoral wird ebenso thematisiert wie die intersubjektive Gesellschaftsmoral oder das Problem der Scheinmoral. Die moralischen Massstäbe der handelnden Figuren (es handelt sich oft um Kontrastfiguren mit entgegengesetzten Moralbegriffen) werden einander polyphon gegenübergestellt, oft auch gegeneinander ausgespielt. Am Ende tragen nicht die moralischen, amoralischen oder unmoralischen Figuren-Konzepte zur 'Moral der Geschichte' bei, sondern eine von Kästner im Hintergrund entwickelte, teilweise sehr abstrakte und fiktional vermittelte Moralkonzeption, welche die figuralen Einzelhandlungen überlagert. Zu hinterfragen wäre deshalb auch Ruth Klügers prononcierte Attacke (in "Frauen lesen anders") gegen Kästners Hauptwerk, das diesem insgesamt eine reaktionäre Gesinnung unterstellt. Da ein solches Urteil nicht ohne Vermischung zwischen fiktiver Figurenrede und möglicher Autorintention nachzuvollziehen ist, wollen wir uns in diesem Seminar zunächst der Frage widmen, wie genau die literarische Vermittlung von moralischen Standpunkten in Kästners Roman funktioniert.

Zur Anschaffung (*) bzw. Konsultation empfohlene Literatur:


Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. München 2006 (dtv 11006).

Ruth Klüger: Korrupte Moral: Erich Kästners Kinderbücher. In: Dies.: Frauen lesen anders. München 1996 (dtv 12276).