BA Seminar:
MEDIEN DER ERZÄHLUNG
Dieses Seminar beschäftigt sich mit Erzähltexten aus medientheoretischer und mediengeschichtlicher Sicht. Die Veröffentlichung einer Erzählung in Buchform ist nicht unproblematisch, weil in der Regel mehr als nur eine Erzählung abgedruckt werden muss, und der Verfasser von Erzählungen also durch das Medium gezwungen wird, seine Einzelerzählungen im Kontext von Erzählsammlungen herauszugeben. Diese mediale Restriktion führt auch zu Besonderheiten der Rezeption: Der Leser wird die Einzelerzählung nicht wieder aus dem Erzählkontext isolieren, er wird sie vielmehr mit den anderen Erzählungen kontextuell verknüpfen, d.h. er wird strukturelle und semantische Beziehungen zwischen den Einzeltexten herstellen. Dieser Lese-Gewohnheit kommt der Autor oft zuvor, indem er seinerseits seine Erzählungen in ein Beziehungsgeflecht zueinander setzt, das es aufzulösen gilt.
Als Alternative zur wenig adäquaten Publikation von Erzählungen in Büchern bieten sich dem Autor verschiedene Möglichkeiten an. Schon früh etwa diente die Publikation von Erzählungen in literarischen Kalendern auch dem Ziel, nur eine einzelne Erzählung zu veröffentlichen. Damit änderte sich aber auch die Textumgebung der Erzählung. Später wurde das Medium des Kalenders vor allem durch das Massenmedium der Zeitschrift abgelöst. Die nach amerikanischem Vorbild verfassten Kurzgeschichten (Short Storys) werden zunächst fast ausschließlich in Zeitschriften veröffentlicht. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts können wir zudem eine Vielzahl von Medienexperimenten beobachten (von der Klorollenprosa zur Zettelsammlung), die letztlich alle dazu dienen, die Erzählgattung vom klassischen Buch-Medium loszulösen. Ein Beispiel dafür sind etwa Franz Hohlers „Wegwerfgeschichten“, die auf Einzelblättern abgedruckt in einer Kartonbox verkauft wurden.
Literatur: Urs Meyer: Zeitschrift, Zettel, Zigarettenschachtel. Überlegungen zu einer Medienkulturgeschichte narrativer Kurzprosa. In: Thomas Althaus, Wolfgang Bunzel u. Dirk Göttsche (Hg.): Kleine Prosa. Theorie und Geschichte eines Textfeldes im Literatursystem der Moderne. Tübingen 2007, 353-369.