Abendlied.
(Für dieselbe.)
Schon glänzt dort hoch der Abendstern;
Lob' ihn, mein Geist, lob' ihn, den Herrn!
Es sank der Sonne goldnes Licht,
Doch seine Güte sinket nicht.
Er hat von meiner Jugend auf
Geleitet meines Lebens Lauf;
Er stand mir bei, wenn von Gefahr
Ich rund umher umgeben war.
Er war mein Trost, wenn Kummer sich
Um mein beträhntes Lager schlich;
Er hörte, wenn ich schwer und tief
Aus meiner Angst um Rettung rief.
Nun sing' ich noch mit jeder Nacht:
Der Herr hat Alles wohl gemacht!
Er schickt uns nur zu unsrer Ruh'
Den bittern Kelch der Leiden zu.
Ich habe lang' und viel gelebt,
Und manche trübe Stunde schwebt
Noch einsam jetzt vor meinem Blick;
Doch dankbar denk' ich nur zurück.
Gott, sei mein Vater; steh' mir bei,
Daß ich des Lebens Abend frei,
Wie ich nunmehr ihn vor mir seh',
Still, sanft und froh hinuntergeh'.
Lass' fromm mich und von Tadel rein
Vor Dir und vor dem Menschen sein,
Daß man, wenn mein Gebein einst ruht,
Noch herzlich sage, sie war gut.
Lass' meine Kinder meiner werth
Nur bleiben, wie ich sie gelehrt,
Sich Deiner und der Tugend freun,
So ist ihr Erbtheil nicht mehr klein.
So wall' ich ruhig, wie ich bin,
Zum stillen, großen Schlafe hin,
Wo schlummerschwer mein Auge sinkt,
Wenn mir der Tod, Dein Bote, winkt.
PPW, V. 5, S. 72f.