|
Werke
Galerie
Forschung
Editionen
Stimmen
Aphorismen
Gedichte
Biographie
Links
Politische
Rhetorik
| Aphorismen
[Die
nachfolgende Auswahl aus Seumes aphoristischen Texten stammt aus der Sammlung
"Apokryphen" (1806 und 1807), zitiert nach der Ausgabe "Prosaische und Poetische Werke", auf die sich auch die Seitenangaben in Klammern beziehen:]
Es ist doch wol möglich, daß ich zuweilen auch einen guten Gedanken habe; also will ich es immer meiner Faulheit abgewinnen und manchmal Einiges niederschreiben. Wenn vielleicht das Nämliche wiederholt und variirt vorkommen sollte, so ist das wol ein Beweis, daß es oft und vielgestaltig in meiner Seele war. Daher könnte man vielleicht schließen, daß mir der Gegenstand etwas wichtig oder lieb müsse sein. (125)
Apokryphen nenne ich Dinge, aus denen man so eigentlich nicht recht weiß, was man zu machen hat. Es ist also Alles in uns und um uns sehr apokryphisch, und man dürfte vielleicht sagen: die ganze Welt ist eine große Apokryphe. Mir ist es sehr lieb, wenn sie Andern verständlicher ist als mir. (125)
Die Vernunft ist immer republikanisch, aber die Menschen scheinen, wenn man die Synopse ihrer Geschichte nimmt, doch durchaus zum Despotismus geboren zu sein.
Wer aus sich herauslebt, thut immer besser, als wer in sich hineinlebt. (125)
Wo ein einziger Mann den Staat erhalten kann, ist der Staat in seiner Fäulnis kaum der Erhaltung werth. (129)
Der Anfang der französischen Revolution rächte das Volk an der Regierung und das Ende die Regierung an dem Volke: und beide scheinen weder besser noch klüger geworden zu sein. Der Ertrag ist wenig mehr als origineller Stoff zu dem großen cyklischen Gedicht unserer Geschichte.
Wer keine Ungerechtigkeiten vertragen kann, gelangt selten zu Ansehn in der Gegenwart, und wer es kann, verliert den Charakter für die Zukunft. (130)
Bonaparte konnte ein Fixstern werden und ist eine Sternschnuppe geworden. (131)
Faulheit ist Dummheit des Körpers, und Dummheit Faulheit des Geistes. (133)
Die meisten Menschen haben überhaupt gar keine Meinung, viel weniger eine eigene, viel weniger eine geprüfte, viel weniger vernünftige Grundsätze. (133)
Es ist Schade, daß man keinen Prophetenglauben mehr hat, sonst könnte Rousseau der Begründer eines sehr schönen Systems werden. Wenn er nur nicht zu viel geschrieben hätte! Seine Schwärmerei geht doch zuweilen mit keiner Vernunft durch. Der "Contrat social" und Voltaires's kleines Gedicht "La loi naturelle" sind vielleicht das Größte, was die französische oder irgend eine andere Literatur hervorgebracht hat." (133)
Die meisten Bücherschreiber verschwenden eine ungeheure Gelehrsamkeit, um nichts zu sagen; und die meisten Diplomatiker machen unendliche Circumherumschweife, um nichts zu thun. Die neueren Franzosen haben wenigstens das Gute, daß sie nichts thun, was nicht zur Sache gehört, und den geraden Weg nehmen. Daß die Andern blind sind, ist nicht ihre Schuld; sie selbst tragen keine Maske, schon seit langer Zeit nicht mehr. (134)
Wer sich beständig ausschlußweise mit Büchern beschäftigt, ist für das praktische Leben schon halb verloren. Der weise Salomo hat viel Narrheit und Plato viel Unsinn. Die beste Philosopie ist der geläuterte Menschenverstand, das beste Mittel dazu die Welt sehen, die Geschichte lesen und selbst denken in gleichen Verhältnissen. Werden die Verhältnisse nicht beobachtet, so kommt das Resultat unkosmisch. (134f.)
Plato ist ein Schwärmer und Aristoteles ein Schiefblicker, Hobbes ein Sophist und Grotius ein christlich scribelnder Römling; nur Rousseau hat haltbare Grundsätze. Nach vielen Jahrhunderten wird sein "Bürgervertrag" doch noch Katechismus werden, und fast verdient er symbolisches Buch zu sein. (136)
Wer die Krankheit hat, keine Ungerechtigkeiten ertragen zu können, darf nicht zum Fenster hinaussehen und muß die Stubenthür zuschließen. Vielleicht thut er auch wohl, wenn er den Spiegel wegnimmt. (137)
Der Satan hat die Sprache erfunden. Sie sind das beste Handwerkszeug der despotischen und gesitlichen Gaunerei. (139)
Wem sein eigener Beifall nicht genügt, macht an dem Beifall der Welt einen schlechten Gewinn. (141)
Das Schlechteste, was Schiller gemacht hat, ist die erste Hälfte des Charakters der Mutter in der "Braut von Messina" und sein Chor daselbst. Das mag ihm der Geist der Humanität vergeben! Mir ist unbegreiflich, wie so etwas aus seiner Seele kommen konnte. (141)
Alle saueren Moralisten hielten ihr Zeitalter für das schändlichste, und sie haben alle Recht, denn die gegenwärtige Schande ist immer die größte. (142)
Wo man von Gerechtigkeiten und Freiheiten redet, soll man durchaus nicht von Gerechtigkeit und Freiheit sprechen. (146)
In der Philosophie kann ich's bis zum Skepticismus bringen; weiter geht es nicht: also will ich lieber bei dem gesunden Menschenverstande bleiben, den so wenige Philosophen haben, und der doch heut zu Tage so nöthig wird. (148)
Die französische Revolution wird in der Weltgeschichte das Verdienst haben, zuerst Grundsätze der Vernunft in das öffentliche Staatsrecht getragen zu haben. Läßt man diese Grundsätze wieder sterben, so verdient jeder Welttheil seinen sublimierten Bonaparte. (149)
Wenn uns die Philosophie zu Jacob Böhm führt, wie es den Anschein bekommt, so thue ich auf ihre Leitung Verzicht. (158)
Ich kenne in der Geschichte noch keine Republik im bessern Sinne. Die Franzosen hatten einige Zeit den Anschein, eine zu werden. Es ist ein göttlicher Versuch vielleicht auf Jahrtausende verunglückt. (159)
Die Gespenster der alten Formen glotzen wieder furchtbar. (159)
Plutarch, Sueton, Tacitus und Prokop, mitunter auch Thucydides, sind gute Recepte gegen die Gallsucht. Um gegenwärtige Schurkereien abzuleiten, ist ein Blick auf entferntere nicht übel. Wenn sich die Menschen dann mit ihrer sogenannten Vernunft in Verlegenheit befinden, so schicke man sie in die Kirchengeschichte. (200)
Lichtenberg hat, glaube ich, unter den lächerlichen Schnurrpfeifereien eines Engländers auch eine Sonnenuhr, welche repetirt. Ein Messer ohne Klinge, dem der Stiel fehlt, ist zwar nicht leicht zu produciren, aber eine Sonnenuhr, die schlüge und also auch repetirte, müßte zu machen sein. Und wenn daran gelegen wäre, so machte ich mich anheischig, sie selbst zu machen. Die Physik muß der Mechanik nachhelfen. (202)
Jetzt habe ich 44 Jahre, gut gezählt, und die Geschlechtsanmuthung ist gewaltig stark, stärker als jemals. Je älter ich werde, desto schöner sind die Mädchen. Soll ich meine Narrheiten in der Periode der Weisheit machen? Ich muß mich auf magere Diät setzen und Anatomie studiren." (203)
Eben werfe ich meinen alten Puderapparat zum Fenster hinaus; denn ich will mich nun durchaus nicht mehr pudern und pudern lassen. Wann werde ich so glücklich sein, den Scherkasten nachwerfen zu können? Die Schererei bin ich auch bis an die Ohren überdrüssig. Vielleicht geht es bald. Wenn Andere geschorene Leute sein wollen, habeant sibi! Ich finde kein Vergnügen im Bartputzen und weder Aesthetik noch Verdienst in einem glatten gebohnten Gesicht." (203)
Wenn sich Jemand über den gesunden Menschenverstand versteigt, so ist er immer in Gefahr, darunter zu sinken. (203)
Die Kriegskunst ist hoch gestiegen: man führt den Krieg ohne Bürger, mit Soldaten ohne Sold - und es geht nicht schlimmer. Das ist doch noch ein Beweis der Milde der Menschennatur! (203)
Wir sind mit Privilegien und Unsinn so beglückseligt, dass ich fürchte, wir werden nur durch die Barbarei den Weg zur Vernunft machen können. (204)
Das erste Privilegium wurde von der Schurkerei geboren, von der Dummheit gesäugt, von der Habsucht gross gezogen und von der Gaunerei in die Gesellschaft eingeführt. (204)
Es giebt selten eine Schurkerei, die nicht irgend ein sogenannter großer Mann in der Geschichte mit seinem Beispiele so gestempelt hätte, daß sie in einem andern mit Euphemism genannt wird. (204)
Im Allgemeinen sind die Menschen so sehr an Ungerechtigkeiten gewöhnt, daß sie im Ganzen selten auffallen. Nur im Einzelnen empören sie noch, aber auch nur Einzelne. (204)
Ehe der Körper eines großen Mannes Asche ist, kann man selten mit einiger Richtigkeit über seinen Charakter urtheilen." (209)
Nach den Calabresen halte ich den Deutschen in seiner Vornehmheit für den grössten Barbaren in Europa, die Finnen und Lappen nicht ausgenommen. (210)
Man darf die meisten Dinge nur sagen, wie sie sind, um eine treffliche Satire zu machen. (212)
Die meisten deutschen Gesichter sehen mir aus wie ein Privilegium; also werden wir wol noch lange bleiben, was wir sind. (215)
Junge Huren, alte Betschwestern; junge Wüstlinge, alte Mystiker. Der Mysticismus liegt meistens in Nervenschwäche und Magenkrampf. (216)
Es ist nur noch e i n Ungeheuer, welches gräßlicher ist als Tyrannenunvernunft: die Volkswuth; und nur die Furcht vor der letzten macht die erste erträglich; auch weiß die erste sehr künstlich mit der letzten zu schrecken und in Schranken zu halten. (218)
Die Despotie stempelt gewöhnlich die Begriffe wie die Münze, un der gefährlichste Streich, den sie der Vernunft, der Freiheit und Gerechtigkeit schlägt, ist, sie durch Verleumdung zu entstellen. Man läßt den ehrlichen Mann nicht einmal mit Ehren sterben, sondern sucht ihn erst in das Kataster der Schurken zu setzen. Wer also seiner Ehre nicht von innen gewiß ist, mag ja von außen auf nichts rechnen, wenn er nicht den Machthabern fröhnt. (217)
Wer von Freiheit und Gerechtigkeit ein besseres Ideal kennt, als ihm die Geschichte zeigt, ist sehr arm an Trost für die Menschheit. (219)
Es ist nicht so gefährlich, zwanzig allgemeine Wahrheiten kühn zu sagen, als eine einzige Anwendung davon zu machen, und wenn sie auch noch so liquid wäre. Im Gegentheil, je liquider sie ist, desto gefährlicher wird sie. (219)
Die meisten Regenten fürchten sich mehr von den Bürgern als vor den äussern Feinden: ein Beweis, dass die meisten Staaten schlecht eingerichtet sind. (219)
Das Beste am Leben ist, dass man Niemand zwingen kann zu leben. Wer durch eigene Niederträchtigkeit dazu gezwungen wird, ist sein eigener moralischer Büttel und Scharfrichter. (226)
Wenn unser Charakter ausgebildet ist, fängt leider unsere Kraft an zusehends abzunehmen. (228)
Wenn dem Menschen nicht immer etwas theuerer ist als das Leben, so ist das Leben nicht viel werth. (234)
Schmeichelei ist immer verdächtiger als Tadel; denn wer sagt nicht lieber etwas Angenehmes auch ohne hinlänglichen Grund, ehe er sich überwindet, wäre es auch mit Recht, beschwerlich zu fallen? (238)
Aufklärung ist richtige, volle bestimmte Einsicht in unsere Natur, unsere Fähigkeiten und Verhältnisse, heller Begriff über unsere Rechte und Pflichten und ihren gegenseitigen Zusammenhang. Wer diese Aufklärung hemmen will, ist ganz sicher ein Gauner oder ein Dummkopf, oft auch Beides; nur zuweilen Eins mehr als das Andere. (239)
Nun sind endlich die Deutschen politisch aus ihrer zwitterhaften Existenz heraus in die entschiedene Nullität gekommen. (241)
Gewisse Dinge glaube ich sogleich, wenn ich sie höre, so sehr haben sie den Stempel der Wahrheit; gewisse Dinge, wenn ich sie sehe; gewisse Dinge muss ich sehen und hören, um sie zu glauben; und gewisse Dinge glaube ich nicht, wenn ich sie auch sehe und höre." (243)
Der ganze Unterschied zwischen einem reinen Republikaner und einem reinen Despoten ist, daß der Erste die Menschen als weise und gut, der Andere aber sie als schlecht und dumm annimmt. Die Erfahrung giebt dem Letztern öfter Recht als dem Ersten. Was nicht ist, sucht Jeder in seinem Sinne zu machen; und es glückt wieder dem Letzten besser.
(243)
Der Staat sollte vorzüglich nur für die Ärmeren sorgen, die Reichen sorgen leider nur zu sehr für sich selbst. (244)
|