Christoph Martin Wieland an Johann Gottfried Seume [über Seumes Drama "Miltiades"], Weimar, 10. April 1809
Seit langer Zeit hat mich weder ein modernes Geistesproduct noch Kunstwerk so ganz in die Zeit des Sofokles u. in das Gefühl der Nähe seines Geistes
versetzt. Zur Aufführung auf der Bühne eignet es sich freilich nicht.Wäre ich im Besitz von Merlin's Zauberstab und könnte mit einem Schlag
desselben ein griechisches Theater, Attische Zuhörer und von Sokrates gebildete Schauspieler aus der Erde aufsteigen
lassen, so stehe ich dafür, Ihre Miltiades sollte, trotz Allem, was selbst seine Bewunderer an ihm auszustellen haben, eine sehr schöne Wirkung auf den Brettern thun.
Das Nämliche möchte ich Ihnen von Ihrer grausenhaft wahren und schrecklich schönen Philippica, wenn Sie einen Sosier zu ihr fänden,
nicht versprechen. Ich danke dem Himmel für die Gewißheit, daß Sie, vorausgesezt er wisse, was er drucken ließe, in allen fünf Welttheilen keinen so verwegenen
Muttersohn finden werden. Und wäre es möglich, daß sich einer fände - o mein theurer Freund, welches Gute könnten Sie sich versprechen, dem Menschengeschlecht durch die Aufstellung und
Bekanntmachung eines so entsetzlichen, schauderlichen, einem nur halb menschlich fühlenden Leser alle Haare auf dem Kopf emporstarren machenden Gemäldes unsrer Zeit verschafft zu haben? Wahrlich, die Ehre, unsern
Marcus Tullius selbst in der riesenhaften Stärke, womit Sie mit Ihrer aus Furienschlangen geflochtenen Geißel auf die großen und kleinen Sünder in und außer Deutschland ohne alle Barmherzigkeit
lospeitschen, ganze Parasangen hinter sich zu lassen, und von Welt und Nachwelt für den strengsten Zuchtmeister des freilich leider! tief gesunkenen Menschengeschlechts anerkannt zu werden, würde
durch Ihr furchtloses Marterthum zu theuer erkauft seyn. Und im Grunde - ich kann es dem einzigen mann von Marathon, der vielleicht noch in der Welt ist, nicht verdenken, daß er seinem, durch den Anblick und das aufs Höchste gereizte
Gefühl aller Thorheiten und Erbärmlichkeiten, aller Greuel und Abscheulichkeiten unsrer Zeiten und des unendlichen Elends, das dadurch über die mißhandelte, herabgewürdigte und an einem langsamen physischen und moralischen
Martertode verschmachtende Menschheit in apokalyptischen Zornschaalen ausgegossen ist, zusammengepreßten Herzen auf diese Weise Luft zu machen gesucht hat; aber im Grunde ist dieses Gemählde - mit aller seiner Wahrheit im Einzelnden - gleichwohl, aus dem rechten Stand- und Gesichtspunkt betrachtet, nicht wahr, und kann es nicht seyn, wie Sie selbst,
so bald Sie sich auf jenen Standpunkt stellen, so gut und besser als ich einsehen müssen. Also nichts weiter über diesen Punkti, als daß ich Ihre Stärke in der Sprache Ciceros und Juvenals bewundere, und daß es mir unendlich Leid thun sollte,
wenn der Fasciculus observationum et conjecturarum etc., welchem Sie diesen prologum galeatum vorzusetzen gedachten, den Freunden der ächten Literatur, wie klein
auch ihre Zahl seyn mag, deßwegen vorenthalten würde, weil sich kein Verleger noch Drucker ohne offenbare Lebensgefahr entschliessen kann, sie mit dieser Vorrede in die Welt zu fördern. [...]
Wielands Briefwechsel. Hg. v. der Berlin-Brandenburgischen Akad. d. Wiss. durch Siegfried Scheibe. 17. Bd. 1. Teil. Berlin 2001, S. 578ff.
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