An meines Vaters Grabe.
Willkommen mir, Ihr feierlichen Schauer,
An dieses Kirchhofs eingefallner Mauer;
Hier leg' ich müde meinen Wanderstab
Auf dieses Leichensteins zerborstne Trümmer
Und setzte mich in Lunens Silberschimmer
Zur Ruh' auf eines Bruders Grab.
Hier wandelt ernst allein in tiefer Stille
Der Mensch mit sich in der Empfindung Fülle,
Die Wohl und Weh' in seinen Busen trägt,
Die ihm, entrückt dem bunten Weltgewimmel,
Die Pforten öffnet zu dem goldnen Himmel
Und ihn in Qual der Hölle schlägt.
Hier steig' ich auf von moosbewachs'nen Hügeln
Auf reiner, heißer Andacht Feuerflügeln
Hinauf, o Gott, zu Deinem Strahlenthron
Und bete Dir, aus dessen Hand die Sonnen
In ihre Flammenmeere hingeronnen,
Vom Staub der Erde noch, Dein Sohn.
Sieb meinen Blick, wenn Deine Myriaden
Sich in dem Glanze Deines Lichtes baden,
Noch Stärke, daß ich von der tiefen Höh'
Durch jenes Raumes ungemessne Gründe
Die Harmonie der Schönheit wiederfinde,
Die ich hier oft verschwinden seh'.
Lass' mich, wenn mich die Zweifel übersteigen,
Nicht meinen Nacken unter Zweifeln beugen
Und halte meinen Geist im Gleichgewicht,
Du Gott des Seraph's und Du Gott des Wurmes,
Der in dem Lenzhauch und im Sturz des Sturmes
Mit Wohlthat den Erschaffnen spricht.
Wen mich die Welt zu hohem Zorn entflammet,
Mein Feuereifer rund umher verdammet,
Wenn schwer mein Herz mit Deinem Rechte ringt:
So will ich hier zur Schädelstätte treten
Und ein Gebet bei Deinen Todten beten,
Das meiner Seele Frieden bringt.
Hier ruhen sie von ihres Lebens Frohnen,
Die Brüder einst, in stillen Legionen
In ihrem kleinen, kühlen Aschenhaus;
Ruhn von den Lasten, die sie niederdrückten,
Vom Unrecht, unter dem sie schwer sich bückten,
In brüderlichem Schlummer aus.
Hier bin ich oft, wo jene Ulmen hangen,
An meines Vaters treuer Hand gegangen,
Dort, wo das schwarze Bahrenhäuschen steht;
Hier folgt' ich weinend seinem Sarg, hier haben
Sie ihn, den guten, braven Mann, begraben,
Wo kalt der Nord herüberweht.
Wo ist Dein Grab, daß ich am Grabe weine?
Des Armen Gruft bezeichnen keine Steine;
Und weiter nichts warst Du als arm und gut.
Schon mehr als zwanzig Jahre sind verflogen,
Seit Wetterstürme um die Stätte zogen,
Wo Dein Gebein von Erde ruht.
Ich find' es nicht in der Entschlafnen Menge:
Dem Tode wird sein Leichenfeld zu enge;
Schon sank der Hügel über Deiner Gruft,
Und gleich den Helden, die in zwanzig Schlachten
Das Aehrenfeld umher zum Kirchhof machten,
Schläffst Du, wo hohl der Uhu ruft.
Hier an dem Thor, der Mauer hier zur Rechten,
Wo hoch sich Dornen über Gräber flechten,
Hier war es, wenn mich Phantasie nicht täuscht,
Wo treue Nachbarn Dein Gebein geborgen,
Und wo Natur jetzt nach zehntausend Morgen
Noch eine stille Thräne heischt.
Hier setz' ich mich, wo ich einst oft gesessen,
Und will mein Herz mit Kraft zusammenpressen,
Wo ich zuletzt Dein erstes Antlitz sah;
Und beten will ich hier, wo wir einst schieden,
Ich zu dem Kampf, Du zu des Himmels Frieden,
Und überschauen, was geschah.
Das Schicksal hat, seitdem wir Dich begraben,
Mit eh'rner Hand den Mann, wie einst den Knaben,
Im Labyrinth schon manchen Weg gelehrt;
Doch darf ich noch, o könntest Du es hören!
Um Mitternacht an Deinem Grabe schwören:
Ich war noch immer Deiner werth.
Du warst ein Mann, der seines Lebens Würde
Mit hohem Sinn und stets mit Muth und Würde
Bis an den Schluß des letzten Tages trug,
Den nie das Glück mit wiederholtem Streiche -
Du standst im Sturm, wie in dem Hain die Eiche -
Zum Sklavenjammer niederschlug.
Du warst, wenn wir an Deinen Knieen hingen
Und nach der Reih' von Deiner Hand empfingen,
Froh wie ein alter Patriarchensohn,
Und hattest bei dem kleinen Kohlgerichte
Am runden Tisch im festlichen Gesichte
Entzückung uns, den Spöttern Hohn.
Du zahltest fest des Unsterns schwere Schulden
Als braver Mann mit Deinem letzten Gulden
Und wiesest dann uns mit Zufriedenheit
Auf jenen Vater, der die Sterne säet,
Vor dem das Wohlthun wie ein Bote gehet,
Und der der Erde Segen streut.
Du reichtest noch, wenn Dir schon Mangel drohte,
Dem Dürftigen vergnügt von Deinem Brode
Und sprachst noch Trost der Kummerseele zu;
Und drückten schwer Dein Herz dann Deine Sorgen,
So gab zum Werk an jedem schönen Morgen
Dir bald ein weiser Denkspruch Ruh'.
Du duldetest, als Dich die Krankheit quälte,
In deren Lauf man schon ein Lustrum zählte,
Mit männlicher und lächelnder Geduld;
Du scherztest noch, als unsre Thränen rollten,
Und batest nur, daß wir nicht weinen sollten,
Und zahltest dann die letzte Schuld.
Jetzt ruhest Du, entronnen allen Fluthen,
Im Vaterland nun sanft bei Gottes Guten
Und blickst vielleicht mit Wehmuth nur zurück
Und betest, wenn Dich neue Himmel blenden,
Die Seligkeit der Seele zu vollenden,
Für uns um Theil an Deinem Glück.
Mit Genien, die jetzt Dir jauchzend rufen,
Schaust Du des Throns erhabne, goldne Stufen
Und hörst der Morgensterne Lobgesang
Und dringst verklärt mit einem schnellen Blicke
Im Flug Aeonen vorwärts und zurücke,
Mehr, als hier je ein Seher drang.
Du wandelst dort in lichten Regionen,
Wo endlich Tugend, Ruh' und Wahrheit wohnen,
Von denen nur der Name bei uns ist;
Wo Gott den Rückstand endlich voll zu zahlen,
Gerechtigkeit in allgemeinen Schalen
Mit unbestochner Wage mißt.
Dort lachet nicht mit Belialsvergnügen
Ein Bösewicht des Rechts in letzten Zügen;
Dort spricht des Unsinns blutbestellter Frohn
Mit Geiferwuth und schwer verschloss'nen Ohren,
Für jeden Funken bessern Lichts verloren,
Nicht aller Menschenwürde Hohn..
Dort psalmodeit kein wohlgenährter Bonze,
Im Kopfe Nebel, in dem Herzen Bronze,
Dir seiner Wuth ergrimmten Widerspruch;
Läßt nicht, die heilige Vernunft zu tödten,
Des Aberglaubens Eiseinmänner reden
Aus einem dickbestäubten Buch.
Dort wird die Nach, durch die wir irren, helle,
Und Alles tritt an seine rechte Stelle
Zu einem schönen, abgemess'nen Gang;
Dort werden Labyrinthe sich entrollen
Zu einem ewig harmonievollen
Und göttlichen Zusammenhang.
Verweilest Du jetzt dort auf Deinem Sterne,
Sieh, Seliger, aus diamantner Ferne
Als Genius herab auf Deinen Sohn
Und trage mir, wenn ich in Zweifeln irre,
Die Strahlenleuchte vor in dem Gewirre,
Wo rechts und links mir Klüfte drohn.
Dann werd' ich nie von heiligen Gedanken
An Gott und Tugend nur ein Haar breit wanken
Und immer ruhig an dem Vorhang stehn
Und freudig, wenn die große Losung tönet,
Mit mir und Allem um mich her versöhnet,
Zu Deinen Sphären übergehn.
Wenn Stürme je in meinen Pilgertagen
Mich von dem vorgemess'nen Pfade schlagen,
So komm' ich still an diesen Ort herab
Und setze mich, um Licht und Muth und Kräfte
Zu meines Lebens ernstestem Geschäfte,
Hier an Dein unbekanntes Grab.
PPW, Bd. V, S. 67-71.