Der Zweifel.

 

Mich däucht, Susanne, Deine Tugend

War doch wol nicht so schrecklich auf der Probe,

Als man von Dir zum übertriebnen Lobe

Jetzt unsrer lieben Jugend

Im hohen Ton zu melden pflegt.

Die grämlichen Gesichter fortzujagen,

Die so unüberlegt

Sich hin zu Dir ans Badeörtchen wagen,

Dazu wird man doch wol nicht Wunder sagen.

Wenn aber nun ein junger Mann,

Schön, wie die Kunst ihn bilden kann,

Schlank wie die Ceder von dem Libanon,

Im Blicke Geist und Harmonie im Ton,

Verführerisch wie David's Sohn,

Dich glühend angebetet hätte

Und, hinter einem Rosenstrauch versteckt,

Die schöne Baderin entdeckt

Und auf des Lenzes Blumenbette

Dich, halb gekleidet, dann um Gnade

Recht rührend angeflehet hätte,

Und zwar allein;

Und hätte dann Dein liebes, weiches Herz

Des zauberischen Jünglings Schmerz

Mit jedem Pulsschlag heißer mit empfunden,

Und Du hätt'st dann Dich losgewunden,

Und zwar allein,

Und bei dem süßen Flehen

Es noch gewagt zu schrei'n,

Und zwar allein:

Dann möchte noch die Probe gehen.

 

 

 

 

PPW, Bd. V, S. 80.